Freitag, 5. Juni 2009

Primaverasound Festival - Barcelona / Dia 1


Drei Tage, Fünf Bühnen, ein Unplugged Zelt, 145 Acts, das angenehmste Publikum seit ich Festivals besuche, um einen herum das Mittelmeer und ein Nachtbus ins Bett. Wenn das der Frühling war, wie fühlt sich dann der Sommer an?

Angekommen

Oft hatte ich dieses Gefühl in dieser Art und Weise noch nicht verspürt. Wahrscheinlich sogar noch nie. Obwohl ich die letzten drei Monate genauso zu den Wichtigsten zählen würde, die mir bis jetzt widerfahren waren. Kommt man dann aber wieder in einer (immer noch mehr oder weniger) fremden Stadt an, mit einer anderen Sprache und einer anderen Mentalität, dann geht es Schlag auf Schlag. Weil nämlich auch da Leute auf einen warten, weil man Monate lang schon eine Wegstecke gemeinsam zurückgelegt hatte, weil man plötzlich nicht mehr der Fremde ist, der von einem Tag auf den anderen da gestrandet war. Man ist mehr. Ein Zahnrad von vielen, die es möglich machen, dass die Maschine vielleicht einen Takt runder rennt als normal. Und das Schönste – es beruht auf Gegenseitigkeit. Emotionale Wellen hauen einen um und drücken dich unter die Oberfläche. Da kann schon die eine oder andere Träne zusätzlich zu soviel Wasser vergossen werden, weil es egal ist – und oben drein noch das Ehrlichste auf der Welt. Andere Länder, andere Sitten, das hab ich schon mal geschrieben, und glücklich bin ich, dass ich das in dieser Art und Weise erleben, spüren darf.

Das mich Wien gar nicht loslassen wollte, dafür mach ich schlussendlich mein schlaues Büchlein verantwortlich. Aber was da drin steht, das pickt – blöd nur, wenn´s trotzdem falsch ist. Also bleibt´s erst wieder an mir hängen. Aber Dummheiten werden bestraft, und drum bin ich mit ein paar Hunderter weniger im Geldsack und einer kleinen Sightseeingtour übers Gelände des Züricher Flughafens reicher, letztendlich erst am Dienstag ein weiteres Mal in Barcelona gestrandet.
Dass die ganze Stadt im Fußballfieber lag, das konnte man spätestens in der Ankunftshalle vernehmen. Als ich dann am Mittwoch auch noch Zeitzeuge eines bis dato niemals zuvor geschafften Triples wurde, das hat auch mich als nicht bekennender Fußballfanatiker ziemlich gepackt.
Aber solche Einstige in eine neue Etappe, die sind wichtig, weil man im Vorbeigehen bestätigt bekommt, dass es der richtige Schritt war, weil sowas halt nicht passieren würde in meinem Leben in der Heimat.
Und kaum hatte ich mich wieder erholt von dem ganzen Spektakel, da stand auch schon das Nächste vor der Tür. Das Primverasound eben.
Aber jetzt ist das auch vorbei und somit die Phase des Ankommens abgeschlossen. Produktivität steht jetzt wieder im Vordergrund und das Ziel, sich wiedermal ein Stück besser kennenzulernen, eine neue Seite seines Gesichts zu entdecken und zu schauen, wo es einen hin verschlägt.
Apropos Gesichter: Von denen hatte das Primaverasound Festival übrigens jede Menge.

Das organisierte Gesicht

Ich ging es relaxt an, enterte das Festivalgelände erst gegen 22 Uhr. Fast schon Luxus, wenn man mit der Linea L4 gerade mal 20 Minuten vom Abendessen in der eigenen Küche zum Parc del Forum braucht. Aber irgendwie auch passend zur derzeitigen Sicht auf die Dinge.
Punkto Organisation hatte ich, was spanische Festivals betrifft, nur positives in Erinnerung. Auch hier schien alles bis ins Detail geplant. Und auch wenn das im Endeffekt für ein Mehr an Vereinfachung stehen sollte, so bringt es doch immer noch jede Menge zusätzliche organisatorische Arbeit mit sich. Anzusehen war es den Ausführende aber nicht. Gleich von Anbeginn weg wurde man mit positiven Vibes überrumpelt.
Ganz ohne Verantwortung wurde man dann aber doch nicht in den Festivalreigen entlassen. Zusätzlich zum mittlerweile ja Standard gewordenen Armband gab´s hier auch noch eine mit einem Strichcode versehene Plastikkarte, einer Bankomatkarte gleich. Nur in Kombination dieser Beiden konnte man das Festivalgelände passieren. Man hatte also eine Sache mehr, die man verlieren oder zu Hause vergessen konnte. Und obwohl es natürlich zur lückenloseren Kontrolle beim Eingang diente, so wurde uns doch irgendwie durch die Blume gesagt– „Genießt es in vollen Zügen und mit allen Vorteilen, die wir euch hier anbieten, aber bleibt am Boden der Realität“ Zumindest hab ich das als solches vernommen – und brav wie ich bin, auch befolgt.
Erst mal drinnen, war ich ziemlich perplex. Schaute der Parc del Forum in meinem Gedächtnis bis dato wie eine verlassene Mondbasis aus, so schienen plötzlich wieder alle Einwohner zurückgekehrt zu sein. Nicht wieder zu erkennen war das Ganze, und ich brauchte echt eine Weile, bis ich mich orientiert hatte. Für diejenigen, die den Parc del Forum noch nie zuvor gesehen hatten war das wahrscheinlich einfacher. Man brauchte ja nur in den Festival – Mood umzuschalten und den Schildern folgen.
Fünf Bühnen wurden auf dem Gelände platziert, jeweils auf unterschiedlichen Niveaus und daher jedes Mal mit einem anderen Spirit. So fand man sich einmal auf der konventionellen Betonfläche vor der Hauptbühne, auf der einem Amphitheater gelichenden Steintribüne mit Blick aufs Meer, unter Dach, oder parallel zum Wasser, mit Fußweg durch einen Schilfgürtel und Blick auf die mit einer Million oranger Lichter verzierte Küstenseite der Stadt. Das alles macht aber eben solche Aktivitäten erst recht zu einem Platz des Wohlfühlens, und das ist etwas, was mir immer wichtiger wird.

Das neue, alte Gesicht

Zu den Klängen von Yo La Tengo eröffnete ich dann meinen ersten Frühling/Sommer im Ausland, also ziemlich spät eigentlich. Aber ich konnte und wollte mich dann doch nicht früher aus einer gemütlichen Runde entfernen.
Am Festival fiel dann erstmalig die Sprachbarriere weg, was mir eine komplett neue Art der Wahrnehmung offenbarte und mir aufs Neue zeigt, dass es ja gar nicht so ist, wie viele glauben. Nämlich dass ich die letzten Monate nichts aus dem Kraut gebracht hatte, mir nichts aneignete. Ist halt eine andere Ebene auf der das basiert – die des menschlich wachsen wollens.
Nach den doch eher turbulenten 48 Stunden davor, hatte ich mir für Donnerstag ein nicht so dichtes Programm zusammengestellt. Gehöre ich im Normalfall aber schon zu dem Typus Besucher, der so ein Happening nutzt, um möglichst viele neue Acts zu sehen. Die Recherche davor zeichnete mir aber schon ein Bild, in welche Richtung dieser erste Tag des Primaverasound gehen sollte. In die der Shoegazer, der Psychodelischen & Wüstenssand aufwirbelnden Rockbands und in die eher verwaschene, abstrakte Richtung der Musikauffassung. In die Richtige also.
Mein unbestrittenes Highlight war an diesem Abend allerdings das wahrscheinlich popigste und mit am meisten Vorfreude erwartete Konzert zugleich. Jenes, des aus Versailles stammenden Kollektivs Phoenix nämlich. Deren neue Platte Wolfgang Amadeus Phoenix sorgte bei mir ja schon im Vorfeld für ein Frühlingsgefühl der Sonderklasse. Ich hatte die Burschen vor Jahren, damals noch zufällig, am Southside Festival gesehen und bin seither ein Fan der Franzosen. Auch die Bühne schien wie perfekt gewesen zu sein. Direkt am Meer positioniert, davor ein prallgefüllter Kessel mit Menschen und ein Oval an Sitzplätzen, dahinter eine Segelyacht die easy vor sich her schaukelte. Aufgrund der eher „kleineren“ Bühnen und dem im, Verhältnis zu den Besuchern gesehen, begrenzten Platz davor, spielte am Primavera jede Band im Prinzip vor vollem Haus, was auch aus Sicht der Artisten ein unbeschreibliches Gefühl sein musste. Anerkennung und Wertschätzung der eigenen Darbietung, egal ob man auf den Namen Sonic Youth oder „nur“ Lemonade hört. Phoenix konnte man getrost in die Kategorie der auch in Spanien eine große Fanbase Vorzuweisenden einordnen. Und weil der Timetable des Festivals genauso (bis auf ein paar Kleinigkeiten) perfekt durchdacht war wie der Rest, so war es einem locker möglich sich jede Menge Acts bis zur Schlussnummer anzuschauen, danach noch ein kleines Getränkelos aus den dafür vorgesehenen Automaten auszudrucken, dieses einzulösen und trotzdem ganz vorne zu stehen. Easy going, den ganzen Festivalbesuch lang.
Das einzige, das darunter litt, war die Länge der jeweiligen Slots. Ich würde sie im Durchschnitt mit einer halben Stunde bemessen. Ausnahme waren hier natürlich die Mainacts.

Das französische Gesicht

Auch Phoenix hatten das Privileg länger zu spielen, lieferten uns ein, schätzungsweise zwölf Nummern andauerndes, Hitfeuerwerk ab. Sie warfen gleich zu Beginn eine kunterbunte Bombe auf uns nieder, nach welcher eine „Lisztomania“ ausbrach, jeder am liebsten sofort einen „Long Distance Call“ in die Heimat machen wollte, nur um sich dann wieder in der Zeile „What you say, what you say is way to complicated“ aus „1901“ wiederzufinden. So wie auch auf deren neuer Platte, und ein bisschen zu meiner Verwunderung, platzierten sie „Love like a Sunset“ in ihrem Set in der Mitte. Am Album schon eine Nummer, die den Franzosen eine Herzensangelegenheit zu sein schien, wurde sie auch live in herausragender Manier und in einem wunderbaren instrumentalen Spannungsbogen dargeboten, und am Ende von Thomas Mars schlicht mit nur einer Zeile besungen und gleichzeitig beendet. „Love like a Sunset“ eben. Ein wunderbarer Moment.
Danach noch die ultralange, abgeänderte Version von „If I feel better“ , logischerweise „Run, Run, Run“, „Lasso“, „Fences“ und ein strahlender Repertoire-Mix aus Altem und Neuem. Als Schlussnummer wurde dann (wenn ich mich nicht täusche) „Everything is everything“ gesetzt und ausgeschlachtet bis der Drummer schlussendlich seine Sticks senkrecht in die Snare rammte – als demonstratives Zeichen, dass sie zwar gerne noch eine Stunde spielen würden, aber das ginge ja jetzt nicht mehr so leicht. Ich war danach mindestens genauso beeindruckt wie die Band selbst.

Das psychodelische Gesicht

Die wahren Neuentdeckungen dieses Donnerstags waren meinerseits aber Dead Meadow aus L.A.und Wooden Shjips aus San Francisco. Beides Bands, die das Wort Rock aufs Minimum reduzierten, aber trotzdem mächtig Dampf dahinter packten. Schwer psychodelisch, meist ein stupides, minutenlange nach vorne stolperndes 4/4 Schlagzeug beinhaltend, wo nach schätzungsweise jedem 15 Takt ein Beckenschlag gesetzt wurde. Dazu wenig bis gar kein Gesang. Dead Meadow waren aber noch die melodischeren, mit einer Brise Blues angehauchten, der Beiden. Wiedererkannt hätte ich sie aber aufgrund der Vorab – Listeningsession auch nicht mehr. Wenn dann doch eine lyrische Message vorgetragen wurde, dann sehr unverständlich, was leider des Öfteren auf den eher schwachen Sound zurückzuführen war, in zumindest einem der beiden Fälle aber auf den Zustand der Personen hinterm Mikro. Wer braucht schon singen, wenn man doch auch die in der Mitte der Bühne in Stellung gebrachte Whiskyflasche leeren, und einen Schachtel Zigaretten rauchen kann. Wunderbar. Einfach Augen zu und durch.
Nach soviel Staub in der Lunge brauchte ich aber dringend ein Bier, blöd nur, dass ich zufälligerweise bei der Hauptbühne vorbeikam, wo My Bloody Valentine gerade das Schlussdrittel ihres Konzertes einläuteten. Genauer konnte ich das nicht eingrenzen, da, als ich mich einfand, bereits der Start der wohl heftigsten Shoegazer Rakete schon vollzogen wurde. Dieses, niemals zuvor in so einer Art und Weise vernommene, Soundgewächs, das kurz davor stand, die Anlage in Tausend Stücke zu zerfetzen, war so kaputt, dass es mich schon wieder beeindruckte. In Cape Caneveral mag es wohl komplett ident klingen, nur befindet man sich in sicherer Distanz zum Objekt und das ganze Spektakel ist in wenigen Minuten beendet. Die Urgesteine des Shoegazing wissen aber natürlich, wie man einen Mund schätzungsweise 20 Minuten daran hindert, sich wieder zu schließen. Unglaublich, und so laut, wie ich „Musik“ noch nie zuvor in meinem Leben gehört hatte. Ich wusste ja gar nicht, dass es so laut überhaupt noch geht.

Das verstörte Gesicht

Ponytail holte mich dann wieder auf den Boden der Realität zurück, oder vielleicht war ich da auch schon in einer anderen Galaxy. Auf jeden Fall war das nervöse Herumgekreische von Sängerin Molly Siegel nicht mit meinem Zustand zu vereinbaren. Ich würd es sogar mit „Schrecklich“ bezeichnen.
Drum begab ich mich auf einen Sprung zu Aphex Twin, der einsam und allein auf der Bühne vor sich her schraubte, und sein Set verhältnismäßig chillig begann. Bis ganz zum Schluss konnte ich diesen aber auch nicht verkraften, wanderte daher noch kurz hinüber zu Wavves, welche noch mal eine Soundexplosion auf der Pitchfork Bühne ablieferten, um dann mit dem Nachtbus in mein Bett zu gondeln. Der Einstieg war aber vielversprechend und auf jeden Fall gelungen.

Die Gesichter und mehr gibt´s hier:

PRIMAVERAPIX

Primaverasound Festival - Barcelona / Dia 2


Das freshe Gesicht

Tag zwei startete für mich dann sehr früh. Immerhin war mit Bat for Lashes ein schon lange erwartetes Ereignis am frühen Abend platziert. Der erste Kontakt den ich an diesem späten Nachmittag aber hatte, das war jener mit Andrew King, seines Zeichens Gitarrist der unglaublichen Crystal Antlers. In Anbetracht der tausenden Menschen ein eher witziger Moment.
Erstmals präsentierte sich mir das Gelände auch von der sonnigen Seite und die Britin untermalte dazu das Ganze auch noch perfekt mit ihrer verträumten Musik. So muss sich ein Festival anfühlen. Auch das Outfit von Natasha Khan und die dazugehörige Bühnendeko trugen dazu bei, sich in einer anderen Welt zu glauben. Zusätzlich zu den Gazellen Trophäen und den hundert anderen Gimmicks, fehlte nur mehr der offene Kamin auf der Bühne. Stattdessen gab es aber das Fenster zum Meer. Das war allerdings sperrangelweit offen, und verhalf somit ihrem Stilmix aus Traumchanson, verrücktester Instrumentierung und jeder Menge in den Songs schlummernden Wünschen hinaus Richtung nicht enden wollenden Horizont zu entsenden. Als ich mich dann bei „Moon and Moon“ umdrehte um die Reaktionen des Publikums zu vernehmen, und auch noch den schon leicht am Himmel sichtbaren Mond wahrnahm, da war dies die perfekte Ergänzung. „Daniel“ setzte dann den Schlusspunkt hinter diese, künstlerisch auf allen Ebenen wertvolle, Darbietung. Ein wunderbarer Openingact für einen Tag, der sich dann aber hauptsächlich vor der Pitchfork Bühne abspielen sollte, und somit im Reich der jungen Wilden.

Das crazy Gesicht

Ich machte mich im Anschluss direkt auf den Weg zu den verrückten Vivian Girls, erspähte aber nur mehr drei Songs, dafür aber einen weiteren Crystal Antler. Sexual Chocolate gab bei der Girlsgroup nämlich den Mann am Tambourine und passte hervorragend ins Bild. Das die Mädels ein bisschen außer sich waren hatte dann aber wahrscheinlich doch andere Gründe. Lower als Low-Fi wirkte das Herumgewerke da vor meinen Augen. Als ob man gerade die zweite Stunde der „Wie nehme ich ein Instrument in die Hand – Lektion“ absolviert hatte. Beim letzten Song wurde dann noch fliegender Instrumentenwechsel vollzogen, was erst recht zu einem Chaos führte, ehe man dann mit Knicks die Bühne verließ. Sehr sexy und als schlecht würd ich es dann doch nicht bezeichnen, schon eher als lustig – aber das soll Musik ja auch sein.
Danach verlief ich mich ein bisschen, blieb in ewig langen Gesprächen mit wildfremden Personen hängen, genoss die letzten Sonnenstrahlen und entspannte ein wenig. Nebenbei warf ich einen Blick auf Spiritualized, die ich ja nicht sonderlich gut kannte, die mich aber nicht erst aufgrund ihrer Coverversion von UB40´s „Can´t help falling in love“ überzeugten.
Pünktlich und mit wieder geschärftem Wahrnehmungssinn fand ich mich dann vor der Band wieder, die den wahrscheinlich besten Indie Soundtrack für den bevorstehenden Sommer abliefern.
The Pains of Being pure at Heart. Eine nicht nur aufgrund ihrer Musik durch und durch sympathische Bande. Was mich hier wirklich wunderte, und wo ich teilweise meinen Vorurteilen bezüglich der Musikwahrnehmung der Spanier eines besseren belehrte wurde, war, dass es fast keine Nummer gab, bei der nicht lauthals mitgesungen wurde. Davon waren auch die New Yorker sichtlich beeindruckte, und ließen sich zu Aussagen mit hohen authentischen Emotionswerten hinreißen.
„This is our first time ever in spain, and you all make us incredible happy right now. Thank you so much.“ - Klingt plump, kam aber sichtlich direkt vom Herzen.

Das aller, aller schönste Gesicht

Was ich dann bis zum Beginn der Crystal Antlers machte, das ist mir bis jetzt noch nicht eingefallen. Wenn ich mir den Timetable aber so anschaue, kann ich jeden zu dieser Zeit performenden Act mit hundertprozentiger Sicherheit von meiner Liste der gesehen Gruppen streichen. Irgendwie verblüffend, aber soll so sein. Mit den Gedanken war ich den ganzen Tag sowieso schon bei den Wahnsinnigen aus Long Beach. Das diese dann aber so extrem anfuhren, das war schon schwer zu verkraften. Fegten die Crystal Antlers bis dato zu fünft von einem Gig zum anderen, so verwandelten sie sich aufgrund des seit geraumer Zeit auch live an der zweiten Gitarre hantierenden Errol Davis diesmal zu einem Hurrikan der Stufe Sechs. Unpackbar welchen Schalter diese Herrschaften einfach ohne lang herum zu fackeln vor einem Gig umlegen müssen. Mit den Hand in Hand gehenden Opening-Tracks „Painless Sleep“/„Dust“ rüttelten sie Diejenigen, welche vielleicht noch immer bzw. schon wieder nicht die Augen aufkriegen konnten, ordentlich munter. Der Staub legte sich aber keine Sekunde, im Gegenteil. „Andrew“ wurde angerufen um auch noch den Soul mitzubringen, wodurch alle auch noch anfingen mit den Hüften zu kreisen, während eine Hand permanent nach den Sternen griff. Der Gig mutierte zu einem absoluten Highlight in meiner endlosen Konzertliste. Den besten Schlusssong der neuen Zeitrechnung im Rock´n´Roll hatten sie mit „Parting Song for the torn sky“ ja sowieso schon auf ewig und einen Tag inne. Dass sie dann auch noch die komplette Vivian Girls Belegschaft plus die mitgereisten Freunde als Verstärkung auf die Bühne holten, dass wird so schnell nicht mehr passieren, schon gar nicht in Spanien. Das Konzert endete somit also im programmierten Donnerwetter, mich streifte ein Blitz und dem Herrn neben mir ging im wahrsten Sinne des Wortes einer ab. Was sollte da noch kommen, außer dem üblichen Pfeifen in den Ohren.

Das bärtige Gesicht

The Mae Shi zum Beispiel. Doch alles was jetzt noch folgte, egal wie grundlegend unterschiedlich die Musik auch sein mochte, wurde automatisch an dem Sextett von der Westküste gemessen. Drum werde ich dieses Konzert auch nur als eine Gradwanderung zwischen Geniestreichen, und absolut für mich unvertretbaren Wahnsinn im negativen Sinn, beschreiben.
Außerdem wartete Jarvis Cocker ja schon auf der Estrella Damm Bühne, der Größten des Festivals. Den kannte ich zwar auch nur flüchtig, das neue Album hatte sich aber dank Freund Ostermann noch rechtzeitig zur Dauerrotation in meine Playlist geschlichen. Und obwohl uns wirklich viele Acts einen eher verwaschenen Sound auftischten, eine Sache auf die ich auch noch keine Antwort gefunden habe, so glänzte Kollege Cocker mit dem genauen Gegenteil. Glasklar, kräftig und eigentlich das homogenste Konzert abliefernd, präsentierte sich der Ex-Pulp. Hier konnte man alles wieder finden. Er zeigte uns, dass man auch auf der winzigsten E-Gitarre den straightesten Blues spielen kann, ließ das Teil kreischen, erschuf mit „Leftovers“ den perfekten Song um sich gegenseitig im Reich der Zärtlichkeiten austauschen zu können, stolperte salopp mit dem Mikro in der Hand über die Bühne, und auch das ihm sein Discooutfit gut stand, präsentierte er uns im vorbeigehen. Nebenbei lernte ich zusätzlich zu „Andrew“ und „Daniel“ auch noch „Angela“ kennen. Wunderbar, und somit war die Runde fast komplett. Dass dies alles vom stilsichersten Abgefuckten kam, das war schon ziemlich lässig. Und weil ich mich so wohl fühlte in seiner Nähe, zog Shellac leider den Kürzeren.

Das zerstörte Gesicht

Danach ging bei mir nicht mehr viel, verbündete ich mich mit einem Fotografen und wir machten gemeinsam das Gelände ein bisschen unsicherer. Bloc Party würdigte ich dann aber doch noch einen kurzen Abstecher. Jedoch ohne jegliche Erwartungshaltung, war dann aber positiv überrascht, obwohl das Publikum schon sichtlich erledigt zu sein schien. Kele Okereke hatte jedenfalls so seine Mühe ein paar Funken überspringen zu lassen.
Dann war aber endgültig Schluss mit Gitarren. Kam ja in letzter Zeit nicht sehr oft vor, dass ich mir gleich mehrere Stunden am Stück Bands im klassischen Sinn angesehen hatte. Viel eher beschränkte sich das auf zwei Turntables und technoide Beats. Drum beendete ich meine Phase des Aufnehmens und Verarbeitens, holte die Segel und den Anker ein und ließ mich ein bisschen treiben. Als dann gegen sechs Uhr Morgens Michael Mayer seine letzten Tunes durch die Boxen jagte, da begrüßten uns schon wieder die ersten hellen Fetzen am Himmel. Guten Morgen Spanien und diesmal ging´s mit der Metro ab in die Federn.

Die Gesichter und mehr gibt´s hier:

PRIMAVERAPIX

Primaverasound Festival - Barcelona / Dia 3


Das undefinierbare Gesicht

Ich registrierte am Samstag erst so richtig, dass ich ja schon zwei Tage überstanden hatte. Spurlos an mir vorbeigegangen waren diese, obwohl ich die Zügel ziemlich kurz hielt, aber dann doch nicht. Drum beschloss ich es wieder einmal ein wenig lockerer anzugehen, was dann aber sowieso von alleine passierte. Durch den späten Start, grenzte sich auch die Liste der zu sehen wollende massiv ein.
Neil Young spielte bis dato in meinem Leben auch nicht wirklich eine Rolle, und fast hätte das zum Umstand geführt, dass ich ihn auch noch sausen hätte lassen. Dann war ich aber schon ziemlich happy, als ich zumindest eine gute Stunde seines Sets zu Ohren bekam. Der Sound war, sicherlich mit Jarvis´, der Beste des ganzen Festivals. Seine Show würde ich als absolut authentisch bezeichnen, seine Stimme zu Recht als ein immer noch explosives Organ, sein Gesicht allerdings als undefinierbar. Das Vorankommen an diesem Tag fiel einem aber merkbar schwerer, was nicht auf die schon kapitulierenden Füße, sondern auch auf das Mehr an Besuchern zurückzuführen war. Auch der Altersschnitt lag ein paar Jahre über den der letzten Tage, und Sonic Youth Shirts avancierten zum Mode Accessoire Nummer eins. Generell handelte es sich aber schon die letzten Tage über um ein schön anzusehendes Phänomen, weil es ein solches lockeres Miteinander so vieler Altersklassen bei uns einfach niemals geben wird – genauso wie so ein Festival. Ich holte mir diesbezüglich mit einem kleinen Fotoprojekt auch noch die absolute Gewissheit, und bekam auf meine doch eher ungewöhnlichen Fragen immer ein strahlendes „Si, por que no“ zurück.
Es wäre müßig jetzt noch viele Worte über Hr. Young zu verlieren, dass es sich trotzdem cool anfühlte „Rockin´ in a free world“ mal nicht von der Zweitstimme Eddie Vedder´s zu hören, das gehört dann aber schon erwähnt. Und ja Carlos, da hätt ich dich gern neben mir stehen gehabt. Wie der Gute dann aber beim letzten Song mit einem gekonnten Riss die Seiten von seiner Gitarre abfädelte, das hab ich dann doch nicht verstanden. Wahrscheinlich fehlen mir da die Jahre und die Kenntnis dieses Instrument.

Das wohl verrückteste Gesicht

Und weil Deerhunter gleich gegenüber spielten, schaute ich dort auch noch vorbei. Die waren dann auch eines meiner Highlights beim Primaverasound. Warum genau das weiß ich nicht, ich konnte mich aber einfach nicht mehr von dieser Bühne entfernen. Ziemlich fesselnd war dieser bekiffte Sound, den sie, seelenruhig auf der Bühne stehend, an uns weiterreichten. Nur dem lästigen Kamerakran vor der Bühne musste ich mich geschlagen geben. Ja, nicht mal umstellen wollte ich mich. Machte aber nix, zu sehn gab´s da eh nicht wirklich etwas.
Dann folgte ich dem Rat eines ziemlich aufgedrehten Londonders, mit welchem ich am Vortag einige Zeit abgehangen hatte. Naja, Lomo und Holga passen einfach gut zu einander. Punkto Style kann ich mit einem Schwarzen natürlich nicht mithalten, noch dazu wenn seine Kamera nicht in den üblichen Ostblockfarben bestach, sonder in heftigstem Silber aus einem reizenden Ledertascherl glänzte. Ich müsse mir unbedingt Gang Gang Dance anschauen meinte der. Seine Worte in meine Ohren, und gut war es. Denn was ich da zu Gesicht bekam, das konnte ich plötzlich auf die Selbe Stufe stellen, wie die Crystal Antlers. Allerdings einem anderen Genre zugeordnet.
Unglaublich was diese Partie für Power versprühte. Irgendetwas ging da auf alle Fälle nicht mit rechten Dingen zu, und allein schon der einsame vor der Band herum hüpfende Asiate (der aber offensichtlich doch zum Tour Tross gehörte) bekräftigte meine Vermutungen. Hier regierte das Tanzbein, die Menge tobte und die einzelnen Mitglieder hatten auf der Bühne alle Hände voll zu tun. Eine Unzahl von elektronischem Wirrwarr, Effektgeräte, blinkende Reglertürme und logischerweise Synthies, häuften sich rund um die charismatische Frontfrau. Das diese nebenbei noch so perfekt im Einklang mit dem besten Drummer den ich auf diesem Festival gesehen hatte ihre Kongas und Stand-Toms bediente, das verhalf den schon unpackbar knackig gespielten Beats zu einer noch viel immenseren Eingängigkeit. Nicht mehr aus meinen Kopf zu kriegen sind seither Nummern wie „House Jam“ oder „Desert Strom“.
Ich hatte danach schon richtig Angst von Simian Mobile Disco enttäuscht zu werden. Und obwohl ich dieses Duo schwer bewundere, so interessierten sie mich an diesem Abend tatsächlich gar nicht mehr so. Irgendwie haute das zwar mächtig rein, die i-Pünktchen auf Simian fehlten aber, da konnte auch die wirklich wunderbare Darbietung von „I Believe“ nichts daran ändern. Ansonsten kann man sich eine SMD Show wie das bekannte Spielchen „Reise nach Jerusalem“ vorstellen. Statt einem Sessel gibt’s aber eine wild blinkende Kommandozentrale in er Mitte der Bühne, und sitzen ist sowieso verboten. Wie viel Show das Ganze dann letztendlich beinhaltet, das kann ich nicht sagen, aber eigentlich war ich ja schon auf den Weg zu einem weiteren, lange erwartenden Happening.

Das schwarze Gesicht

Die Black Lips aus Atlanta gaben uns um drei Uhr Morgens nämlich auch noch die Ehre. Die waren ja meine Entdeckung nach dem letztjährigen Benicassim und werden für mich daher immer eine Sommer Band bleiben. Allerdings die Kaputteste von allen. Leider versagte hier der Schlagzeug – Sound auf allen Ebenen. Jeder Schlag hörte sich so richtig schrecklich an und auch wenn das vielleicht alles ein bisschen vintage klingen sollte, so hatte man einen gewissen Punkt überschritten. Eine beachtliche Menge fühlte sich wohl aufgrund eines Songtitels der neuen Platte dem angesprochenen Thema gegenüber ebenfalls zu etwaigen Übertreibungen animiert. Songs wie „Short Fuse“ oder „Starting Over“ funktionieren nämlich auch schon im Normalzustand ganz gut.
Danach war für mich das Festival als Beobachter aber endgültig zu Ende, galt es nur noch einmal ordentlich bei A-Trak und Dj Mehdi abzufeiern, was dann auch wunderbar klappte.

Bleibt eigentlich nur noch zu sagen: Ein wunderbares Festival, das nicht zuletzt aufgrund seiner verschiedenen Gesichter so richtig Spaß machte.
Ich werde dann einfach mal schauen was das Leben bis zum nächsten Festival so mit mir vor hat. Hören wird man sich allerdings schon wieder in Kürze.

Und noch das verweinte Gesicht

Und all jenen, die noch auf der Suche nach einem Erlebnis für die Geschichtsbücher kommenden Sommer sind, denen sei der 19.8.2009 wärmstens empfohlen. An diesem Tag steigt in der Arena Wien nämlich ein Abend unter dem Motto "Veni Vidi Vice", wo sicherlich kein Auge trocken bleiben wird. Zumindest kommen mir schon jetzt die Tränen, dass ich diese Nacht mit den Black Lips, den Crystal Antlers, Deerhunter und Glint versäumen werde.

*thez*

Diesen Artikel widme ich meinem Freund G. und seiner Familie. In Gedanken bin ich bei euch.

Die Gesichter und mehr gibt´s hier:

PRIMAVERAPIX

Sonntag, 31. Mai 2009

Malajube - 22.05.2009 - B72


Der Tag an dem Malajube ihr Labyrinth mit Schweiß fluteten. Nach uns die Sinnflut.

Rotation

Manchmal kann ich nicht nur die Welt nicht verstehen, sondern auch mich nicht. So geschehen, vor ein paar Stunden. Und was sich jetzt wieder auftut, das ist die Frage nach dem Sinn bzw. dem Grund. Alles muss und soll man aber nicht hinterfragen hat mir jemand mal gesagt, dessen Worte mich schon oft zwischen Resignation und Frühlingsgefühlen schweben haben lassen. Und genau das ist das Problem. Naja, „System Failure“ würde Jack singen, vielleicht renn ich aber auch noch immer im Labyrinth spazieren, dass sich am Freitag eigentlich noch als ein verdammt chilliges offenbart hatte. Und dann denk ich wieder an jenen Abend, an die Truppe, und weiß, dass eh alles richtig ist was ich so aufführe mit dem hier und jetzt. Übrigens – schon mal einen Polizisten getroffen, der Malajube kennt?? Nein?!! Na dann warte mal ab, wenn dich erst mal dein Dad aufklärt von wo die eigentlich kommen.

Unplugged am Gürtel

Ich war ein paar Minuten zu früh, machte aber nix. Und weil es mich nicht gleich zur Bar zog, schaute ich mir den Bogen 72 einmal von der andere Seite an. Dass genau dort, irgendwo zwischen Ziegelviadukt, Rollladen und Radweg die vier Kanadier von Malajube gerade eine Unplugged Session zum Besten gaben, damit konnte ja keiner rechnen. Beschweren tut man sich natürlich nicht über so eine exklusive Einlage, vielmehr führte das alles nur dazu, dass meine Vorfreude aufs eigentliche Konzert ein paar Stufen nach oben kletterte.
Labyrinthes heißt die neue Platte der vier Burschen aus Québec, und wiedermal ist der Name grad Programm in meinem Leben, kann ich mich hundertprozentig damit identifizieren. Ein Irrgarten der Gefühle. Mit dem Unterschied, dass es mir bei der LP nichts ausmacht, ein paar Stunden am Stück blind durch die enggebauten Gassen zu huschen. Der Titel wurde übrigens gewählt, weil man sich ein Jahr lang von der Bildfläche zurückgezogen hatte, nur ab und an mal einen kleinen Gig in irgendeiner Bar spielte und sich im Laufe dieser Zeit dermaßen viel Songs angesammelt hatten, dass man sich nicht mehr zurecht fand. Sehr vieles wurde im Endeffekt dann wieder verworfen, die nächste Platte scharrt aber schon in den Startlöchern, wird im Anschluss der laufenden Tour eingespielt werden. Das letzte Album wurde übrigens in den selben Räumlichkeiten aufgenommen, deren Wände auch schon der Stimme Elvis´ lauschten.
In Österreich waren sie zuletzt im Jahre 2007, damals noch im Chelsea. Umso verwunderlicher, dass sie diesmal ins B72 runter degradiert wurden. Bassist Mathieu Cournoyer antwortete mir auf die Frage der scheinbar immer kleiner werdenden Locationsituation in Wien mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen und nach oben gezogenem Schnauzer, dass er sowieso mal mit dem Booker reden müsse. Es mache ihnen aber nichts aus in so kleinen Clubs zu spielen, viel mehr sind sie glücklich wieder in Österreich zu sein. Außerdem seien intimere Gigs sowieso die bevorzugten. Ich kann mir Malajube mittlerweile in einem großen Rahmen ja auch gar nicht mehr vorstellen.

Hells Bells

Dann fiel endlich der Startschuss für das große Verrennen. Das B72 war voll gesteckt, mutierte an jenem Abend zum Inn-Treff für Leute, denen geregeltes Vorankommen auf ausgeschilderten Straßen genauso ein Gähnen ins Gesicht reißt, wie mir bei Geschichten über Spongebob. Schön brav folgte man der von den vier Kanadiern gelegten Spur, die doch prompt in ein Stimmungshoch führte. Und als dann „Ursuline“ gleich beim ersten Song des Abends meine Hand nahm und anfing zu laufen, da fühlte sich das richtig gut an. Hinein in ein komplexes System, in ein Dickicht verträumter französischer Gesangswelten, das hinter jeder Ecke mit einer neuen Überraschung auf uns wartete. Nachdem am Ende der Nummer live dann nicht die Glocken vom nahegelegenen Friedhof erklangen und mich aus dem Gefühlstaumel dieser undefinierbaren Parallelwelt zurückholten, blieben die Augen einfach geschlossen.

Es ist schwieriger als normal ein Konzert in Worte zu fassen, dessen Themenlandschaft man nicht versteht, wo einem rein die Musik zu sagen scheint, was der Grund für den Besuch ist. Klebt man aber seit Jahren im Spinnennetz von Malajube, dann ist dem gar nicht mehr so. Man braucht nur wiederzugeben was eine Stunde lang so auf die fantastischste Festplatte des Universums niedergeschrieben worden war. Nur, wo fängt man an mit seinen Worten?
Ich würde Malajube als ein wahrliches Phänomen bezeichnen, als eine Band, die sich so relaxt und unbeeindruckt gibt, die scheinbar gar nicht erahnt, was für eine Freude sie einem machen mit ihrer Anwesenheit. Zugegeben, die Songs wirken auf Platte wie das perfekteste Stück Musik, wie der Soundtrack für eine Million von Momenten. Live kommt dann auch noch dieser so wichtige, emotionale Faktor zu tragen, die Gefühlswelten der Malajube´s sozusagen, die wahren Menschen hinter dem Stück Plastik, das man in den Händen hält, anschaut und dabei leicht seinen Kopf schüttelt, weil es sowas ja gar nicht wahrhaftig geben kann. Es wird brachialer zu Werke geschritten, Nummern fließen selten ineinander, stehen meist als Eigenständige Teile im Raum, werden auch nach minutenlangem Dahinreiten auf meterhohen Progwellen zu einem nicht immer definierbaren Ende gebracht. Also gegen vielleicht aufkeimenden Erwartungen. Blitzartige, hochamperige Stromstöße werden mit nur wenigen Tastenanschlägen der Moog´s und Korg´s in kälteste, den ganzen Körper überziehende Wohlfühlschauder umgewandelt, Popsongs die einem dahinschmelzen lassen mutieren zu Hardcorenummern im eigentlichen Sinn. Der Drummer peppte sein Set mit einer Unzahl von Ghostnotes auf, setzte Fills anders als auf Platte und für jemanden wie mich, der immer ein Auge mehr aufs Schlagzeug wirft, war das schon großes Kino. Nebenbei wand sich Sänger Julien elegant von einer weißen Schuhkappe auf die Nächste, schlängelte sich fast einen Knoten in die Beine und verschob die schrägsten Akkorde auf der im Schweiß gebadeten SG. Das alles wirkte aber so authentisch und leicht von der Hand gehend, dass es, wenn man sich ohne Furcht diesem Labyrinth hingab, einem fast auch noch die Stimme verschlug.
Genau so war es aber am leichtesten die gelegte Fährte der Kanadier zu verfolgen, von Compte Complet, dem ersten Album, durch die Scheinwelten von Trompe-l´Oeil, bis eben in die dunkelsten Winkeln von Labyrinthes. Und als dann mein wohl musikalisch sehnlichster Wunsch an diesem Abend, die Liveperformance von meinem derzeit für so viele Sachen stehende Track, „Christobald“ nämlich, in Erfüllung ging, da war ich sicherlich einer der Glücklichsten im Raum. Von dieser Mars Volta´schen Snare/Tom - Kombination, diesen Stickschlägen auf die Bell des Ridebeckens und dem Druck, den diese Nummer live zu erzeugen vermochte, werde ich wohl noch vielen Freunden die Ohren vollsingen.

Wundertüte

Nach dem Konzert bekam ich dann noch eine kleine Anekdote aus dem Kanadischen Tourbuch zu hören. So war der Weg vom Überraschungskonzert in Graz nach Wien mit genau so einer gepflastert. Normalerweise, so erzählte mir Mathieu, hätte man als Band immer nur in Deutschland die üblichen Probleme mit den strengen Herren in Uniform, welche so gar nicht kapieren wollen, welche Maßnahmen man auf Tour anwendet um ein bisschen zu entspannen. In Österreich war es dann aber diesmal auch so weit. Dass einer der Polizisten dann aber tatsächlich Malajube kannte, sie gar nicht so schlecht fand und zufälligerweise noch keinen Tonträger im Regal stehen hatte, das sorgte dann, unglaublich aber wahr, zu einem reibungslosen Ablauf der Amtshandlung. Da sagen wir doch im Kollektiv danke, und haben ab jetzt die Gewissheit, dass auch in Polizeiautos Alternative Radiosender empfangen werden können. Das gehört ja dann förmlich mit einer Spaßzigarette gefeiert.
Und ob das nicht schon genug Verwunderung an einem Tag wäre, so erzählte mir die Dame mit dem unglaublichen Gespür fürs perfekte Bild, dass ihr Dad heute sogar bei einer kurzen Diskussion bezüglich der Herkunft von Malajube mit Insiderwissen glänzte. Weiß ja wohl wirklich jeder, dass die Burschen aus Kanada kommen. Unglaublich, und das noch mit Stil.

Artig

Für Liebhaber des DIY Gedankens sei noch gesagt, dass auch das Cover der aktuellen Platte von Sänger Julien entworfen wurde. Und auch wenn es auf en ersten Blick mit dem Artwork von Trompe-l´Oeil nicht mithalten kann, so beachte man bitte, dass Labyrinthes Übersee mit einem feinen Strukturcover zu erwerben ist, was das ganze natürlich auf eine künstlerisch andere Eben hievt. In Europa wurde diesmal leider auf einen Vinyl-Release verzichtet. Das Minus der letzten Platte muss ja nicht auch noch übertroffen werden.

Peace und noch mehr Love vom *thez*

alle Fotos gibts hier:

http://picasaweb.google.at/zellerluoid/DropBox?authkey=Gv1sRgCJ-gvKb98o6oVQ&feat=directlink

die anderen wunderbaren aus Rexi´s Welt hier:

http://www.katharinareckendorfer.com/

und hier

http://www.analoggang.at/


Mittwoch, 13. Mai 2009

...and You Will Know Us by the Trail of Dead - 7.5.2009 - WUK/Wien


Eine Führung abseits der bekannten Pfade, und trotzdem führen alle Wege scheinbar mitten ins Herz - Conrad Keely & Konsorten und der Weg „Back to the Roots“

Ende gut……


Irgendetwas musste schiefgelaufen sein an besagtem Donnerstag. Entgegen allen Prognosen aus der Progressive-Wetterstation war weit und breit keine dunkle Wolke zu sehen, sogar Singvögel begleiteten mich auf den Weg zur Location und der angekündigte Orkan sorgte offensichtlich wo anders für zersauste Frisuren. Scheinbar auf Zehenspitzen musste sich das Kollektiv aus Texas bzw. mittlerweile New York in die Stadt geschlichen haben. Und weil ihnen „Fucking Europe“ und im speziellen „Vienna“ so gut gefällt, wurde sogar überlegt, ob nicht noch ein zusätzlicher Tag zwecks Kultur und Interessenbefriedigung eingelegt werden sollte. Der Tourplan ließe es zu, und nachdem am Vortag in Prag nicht mal die Zeit ausreichte, um die Dali Ausstellung zu besuchen, brauchte man ein kulturelles Trostpflaster. Conrad Keely antwortete mir auf diese Frage jedenfalls mit einem Leuchten in den Augen, er wisse nur nicht wo er an lediglich einem Tag seinen Kunsttrieb sättigen sollte. Ein paar Minuten später verschwand dann ein vollgekritzeltes Post –It im schweren Ledergeldbörsel. Ein Problem weniger, sehr fein. „Thanks, and take it easy man!“ – Klar doch, werd mich bemühen. Aber da war doch noch was, abgesehen vom höllischen Pfeifen in meinen Ohren.

Anfang auch gut…

Ein wenig überrascht schaute ich drein, also ich meine erste Runde durch den chilligsten Innenhof Wiens drehte. Reger Andrang schaut an Ort und Stelle normalerwiese anders aus. Auch Abendkassa gab es noch zur Genüge. Da soll sich noch einer auskennen. Vor zwei Wochen, am selben Ort des Geschehens, allerdings um spontan ein (wie ich hörte wunderbares) Konzert zu besuchen, endetet der Abend noch ohne Karte, dafür mit zu vielen Weißweinen gespritzt und jeder Menge Rauch in der Lunge. Im Nachhinein gesehen ist alles aber trotzdem so gekommen, wie es besser nicht sein hätte können. Das Leben regelt die Sachen nämlich wie es sie als richtig befindet. Meistens.

Nachdem dann die Stempelfrage – „Wos soi des sei, a Ausschlog??“ – auch geklärt war, konnte einem feinen Reigen nichts mehr im Wege stehen. Und wenn ich den Abend so Revue passieren lasse, stelle ich fest, dass mit Gringo Star die wahrscheinlich passendste Vorgruppe den ersten Ton im Wiener WUK angegeben hatten. Das Quartett aus Atlanta überzeugte mit ihrer Herangehensweise den Taktstock zu schwingen. Psychodelischer, schweißtreibender, allerdings mit einer fetten Brise Blues versehener Rock. Insgesamt „Two and a half weeks“ haben sie das Vergnügen, den Opening Slot für Trail of Dead bestreiten zu dürfen. Dann geht’s weiter auf die Insel, wo sie im Vorprogramm der wunderbaren Black Lips für Furore sorgen werden, wie mir Sänger Nicholas Furgiuele verriet. Na grüß Gott, da schließen sich ja wieder die Kreise und ein gemeinsames Thema war somit ebenfalls gefunden. Denn wenn man die Black Lips mal live gesehen hat, dann weiß man bestens bescheid. Von dem her handelte es sich bei Gringo Star offensichtlich um die perfekten Tourbegleiter für jegliche, von mir geschätzten Bands.
In Wien seien sie übrigens zum ersten Mal, man werde in Zukunft aber von sich hören lassen. Na das hoffen wir doch mal ganz stark – würden sich nur alle Bekanntschaften so sympathisch präsentieren wie diese riesige rockende Reisegruppe aus den US of A.

Souveränes Terrain

Dann betraten die Gladiatoren die Bühne. Ein kurzer Gruß mit der Hand, der Griff zu den Instrumenten, jeder bezog Position, und ab ging die Post. Das WUK war mittlerweile voll, jedoch noch nicht so mühsam erschöpft wie man es z.B. von einem Shantel - Gig gewohnt sein mag.
Ein Trail of Dead Konzert zu besuchen, das gehört immer wieder zu einem Highlight in meinem doch sehr umfangreichen Konzertkalender. Sie zählen nämlich zu jener Sorte von Band, die aufgrund ihrer konzeptionell angelegten Alben, Letzteres wurde wieder im Kollektiv eingespeilt, eine nahezu 1:1 Live - Umsetzung genau dieser schaffen. Hier gehören minutenlange Aufgänge und Interludes genauso zum fixen Bestandteil der Show wie der in Bächen vom Gitarrenhals fließende Schweiß. Vom ersten Saitenschlag an fügte sich alles so homogen ineinander, dass man zeitweise darauf vergessen hätte können, sich auf einem Konzert zu befinden. Es wurde ein Spannungsbogen aufgebaut, der im Zuge des Abends des Öfteren so ausgereizt wurde, dass man zu glauben vermochte, irgendetwas müsste dieser Spannung jetzt nachgeben, um wieder ein natürliches Gleichgewicht herzustellen.

Gurtpflicht

Die Show wurde, wie eigentlich auch von mir erwartet, mit „Giants Causeway“ und „Far Pavillons“, den beiden im Doppelpack funktionierenden Eröffnungstracks der neuen Platte, eingeläutet. Nach knapp zehn minütiger Akklimatisierungsphase hieß es dann den Gurt enger zu schnallen, denn mit „It was there that I saw You“ ging es auf eine Zeitreise ins Jahre 2002. Jason Reece war schon im Multitasking-Modus, pendelte zwischen Gitarre incl. Gesang und dem diesmal Gott sei dank wieder komplett vorhandenem zweiten Schlagzeug Set. Das Sextett wirkte sehr frisch, goss mit der Singleauskopplung „Isis Unveiled“, eine ihrer scheinbar unendlich vielen stärksten Nummern, auch gleich nochmal ordentlich Hochprozentiges ins Feuer. Das Stück, auf Platte schon eine Oper von knapp sieben Minuten, wurde live auf gefühlsmäßige fünfzehn ausgedehnt, entfachte mit Hilfe dieses so simplen aber durch Mark und Bein gehende Bass – Aufbaus immer wieder von neuem, um uns auch noch das restliche Ohrenschmalz aus den Gehörgängen zu brennen. Einzig das Vibra Slap am Ende des Stücks fehlte mir so richtig, dafür gab es aber den nahtlosen Übergang in „Homage“, einer brachialen, für mich immer wieder schwer nach At the Drive-In klingenden, Nummer, ebenfalls vom Source, Tags & Codes Album der Band.
Mit „Bells of Creation“ gingen es Trail of Dead dann ein wenig melancholischer an. Allerdings nur anfangs, denn als beim Refrain der Drummer erstmals die Sticks über die Toms rollen ließ, war es auch schon wieder vorbei mit der himmlischen Stimmung, die uns diese Nummer verkaufen sollte. Von den fünf, wahrscheinlich schnellsten jemals gehörten, Single - Bassdrum Kicks in Serie, traue ich mich gar nicht anfangen zu sinieren.

Fresh Air

Danach folgte mit „Will You Smile Again“ ein mittlerweile Klassiker vom viel gelobten Album Worlds Apart. Hier galoppierten die beiden Drumkits scheinbar um die Wette, wurden verdroschen als ob es kein Morgen gäbe. Spätestens jetzt musste es das geilste Gefühl sein in dieser Band zu spielen. Auch vor der Bühne wurde es jetzt erstmals so richtig laut und eng. Mitgröhl – Attacken, Schweiß auf Gänsehaut, Ellbogen im Genick, und endlich wusste ich zumindest wieder ansatzweise, warum ich seit jeher auf Konzerte gehe. Conrad Keely verlor sich danach in „Relative Ways“, und als beim darauffolgenden „Caterwaul“ Jason Reece seinen Arbeitsplatz kurzerhand von der Bühne in die Menge verlegte, untertauchte und nur mehr aufgrund der Richtung der Mikrokabels ausfindig zu machen war, da hatten sie die Festung WUK endgültig erobert. Voller Elan schien dieser Bursche und die Band generell zu sein.
Als mir dieser dann nach dem Konzert geduldig aber interessiert Rede und Antwort stand, führte so manche seiner Aussage dazu, dass ich das Konzert von einer anderen Seite sah. Immer schon hatte mich die Band gefesselt mit ihren so authentischen Konzerten und auch wenn das Premierenerlebnis vom Southside 2005 unanfechtbar ist, so wirkte es diesmal intensiver als die Male davor. Als ob sie einer Verjüngungskur unterzogen worden waren. Genau das passierte in einer gewissen Weise allerdings auch, wie J.R. erklärte: „You know, it was a strange situation when our producer, the guy who worked with us together since ten years, with whom we were so familiar, decided that he don´t want to produce our new album.……… but in the end it was this fresh air which was going through the band, and which was necessarry at all. Sometimes it´s important to break up with something, even if it´s difficult, but it´s the only way to move forwards.“
Bekanntlicherweise wurde ja mit Century of Self dem Riesen Interscope der Rücken gekehrt und wieder auf Indiebasis gesetzt. Somit erlangte man diese künstlerische Freiheit zurück auf der eigentlich der Grundgedanke dieser Band basiert. Vom Albumcover (abermals in herausragender Manier von Conrad Keely entworfen) bis hin zu den Lyrics und der Produktion hatte man quasi Narrenfreiheit. Schlussendlich wurde man, was die Produzentenfrage betraf, in NYC fündig. Chris Coady, jener Mann, der sich unter anderem auch für das Yeah Yeah Yeah´s Meisterwerk Fever to Tell verantwortlich zeichnet, verlieh auch Century of Self ein Gesicht mit hohem Wiedererkennungswert.

Dreams aren´t broken one by one

Das es bei dieser Unmenge von hörenswerten Songs die sie über die Jahre auf uns losgelassen haben kein leichtes Unterfangen ist, eine entsprechende Setlist zu kreieren, dass liegt auf der Hand. Und mir wäre es beim Konzert auch gar nicht aufgefallen, aber nachdem mit „Another Morning Stoner“ eine weitere Nummer vom 2002er Durchbruchsalbum durch die Halle gejagt wurde, folgte ein vier Nummern andauerndes Feuerwerk welches ihren Ursprung bereits auf Madonna, also vor mittlerweile zehn Jahren, hatte. Angeführt von „Claire de Lune“ endete die reguläre Show dann bombastisch in „Totally Natural“, und einer Livedarbietung dieser Nummer, die mich einfach nur mit offenem Mund und Neid, aber auch unglaublichem Wohlbehagen zurückließ.

Fuck You, Fuck You, Fuck You, Fuck You,…..

Mit „Mistakes & Regrets“ meldeten sie sich nach alibihafter Pause wieder zurück, drehten gefühlsmäßig noch ein bisschen an diversen Volume Reglern und besorgten es sich noch mal so richtig. Scheinbar nicht enden wollend, verschmolz der Song in „A perfect teenhood“ wo man die letzten Reserven mobilisierte und noch mal herausschrie, was gesagt werden musste. Fuck You - und ich könnte mir schon vorstellen an wem das im speziellen Fall adressiert gewesen war.
Als dann der von mir, nicht nur aufgrund seiner Spielweise, geschätzte Drummer dieser Band bei Jason Reece bezüglich seiner extremen Anschlagtechnik und Stickhaltung nachhakte, brachte der gute Mann die Sache auf den Punkt, denn „When I am on stage I put the shit out of me“ – wäre diese Sache somit auch geklärt.
Schwerstarbeit auf Höchstem Niveau also, dargeboten von dieser so authentischen, sympathischen und wichtigen Band, die seit Jahren schon geniale Alben abliefert und mich musikalisch begleitet. Und auch in Zukunft wird sie auf jeder Reise an Board sein wird – also bald wieder.

Der Blick auf die Playlist entpuppte sich im Nachhinein als eine Reise durch vier Alben. Century of Self, das Aktuelle, wurde dabei nur gestreift, was ich dann doch nicht ganz verstehen kann bei dem Potential, dass in den neuen Nummern steckt. Von mir aus hätten sie ja auch gerne noch eine weitere Stunde den Soundtrack für diese Donnerstagnacht liefern können.

Playlist:

Giants Causeway (Century of Self – 2009)
Far Pavillons (Century of Self - 2009)
It was There that I Saw You (Source, Tags and Codes - 2002)
Isis Unveiled (Century of Self – 2009)
Homage (Source, Tags and Codes – 2002)
Bells of Creation (Century of Self – 2009)
Will You Smile Again? (Worlds Apart – 2005)
Relative Ways (Source, Tags and Codes - 2002)
Caterwaul (Worlds Apart – 2005)
Another Morning Stoner (Source, Tags and Codes - 2002)
Claire de Lune (Madonna – 1999)
Totally Natural (Madonna – 1999)

Mistakes & Regrets (Madonna – 1999)
A Perfect Teenhood (Madonna – 1999)

Freitag, 10. April 2009

Plexus Solaire (WUK – 4.4.) & The Virgins (FLEX – 5.4.)


Zwei komplett verschiedene Gruppierungen bescherten mir in den vergangenen Tagen genau das, wovon ich mir geschworen hatte nie explizit darüber zu schreiben – meinen POP, ein Angstwort.

P wie Populär:

Ich würde mich selbst anlügen wenn ich behaupten würde Populärmusik seit Jahren in einer gewissen Art und Weise zu leben, denn wann immer es nämlich zu dieser Wortkonstellation kommt schreit mein Hauptschulgedächtnis laut auf und mir schießt meine erste, im vom Prof. Schieder gemanagten Schallplattenklub erworbene, Maxi –CD ein. Klar, die Joyride – Kassette von Herrn Franz gab es schon vorher, aber ab sofort regierte das hymnische Go West der Pet Shop Boys den Nachmittag. Das genau dieses britische Duo sechzehn Jahre nach diesem Schlüsselerlebnis als die Verkörperung des Pop angesehen wird und vom Cover eines Magazins für Popkultur strahlt ist die eine Sache, dass ich das Heroentum um diese beiden Gestalten jetzt sogar verstehe und noch dazu gar nicht genug kriegen kann von deren neuer Platte, das ist die Andere. An sowas gedacht hatte ich damals mit Sicherheit allerdings nicht.
Es wäre aber auch durchaus gelogen, wenn ich das Gegenteil behaupten würde. Die Zeit verstreicht ja nicht ohne (positive) Nebenwirkungen. Von da her ist das poppige Wort schon auf ein Mehr von Bereichen und Gruppen anwendbar als die in meinem damaligen Spatzenhirn mit Horizont von der Neustift bis zur Stempfelbachbrücke reichenden. Blenden wir die Problematik, die sich mir auch heutzutage noch auftut wenn es darum geht dieses Wort in den richtigen Kontext einzubinden, mal aus. Meiner Meinung nach zu viel Heckmeck um drei Buchstaben, die eine so üppige Landschaft abdecken welche sich von Provinzkaff – Barbies bis hin zur fünfundvierzigsten Straße erstreckt.

O wie Odyssee:

Das ist es nämlich, was ich seit Wochen in Wien praktiziere. Endloses Durchstreifen der Gassen mit den öffentlichen Citybikes. Ob ich mich trotz Vollgummireifen jetzt als Radfahrer sehe? - Und ob, denn mit diesen Geräten zählt jeder Kilometer doppelt! Für die Berggasse gibt’s sogar Extrabonus. Das dann am vergangenen Samstag im Wiener WUK das zweite mal ein Fest zu Ehren der Fahrrades über die Bühne ging, das passte mir somit fein ins Programm. Also schnell auf den Drahtesel und brav nach Uptown gestrammpelt. Plexus Solaire, eine österreichisch französische Erwachsenen - Combo lieferten uns den Soundtrack dazu. Tour de France mitten in Wien. Herrlich. Und in Zeiten wie diesen sicherlich die sauberste Veranstaltung in dieser Sparte. Wo anders werden Geständnisse ausgepackt, Leute aufgeschmissen und generell im ganzen Sport rein Haus gemacht. In der Werk- und Kulturwerkstatt scheuten die Austro-Franzosen aber trotzdem nicht davor zurück uns einen aufputschenden Cocktail zu kredenzen. Legal erworben und mit Stempel besiegelt. Die Zutaten nicht Epo, Dynepo, Wachstumshormone oder sonstiger Schwachsinn, sondern ein mit Fingerspitzengefühl groovig dahingezupfter Bass, ein effizientes Schlagwerk, eine Lead und eine Solo Gitarre. Dazu noch der wunderbarste französische Chanson, ein bisschen Mundharmonika, ein Tambourine und fertig ist das Pop-Präperat. Nebenwirkungen sind uns nur positive bekannt. Die können aber langwierig sein und mitunter zu einem Dauertraumtaumel führen. Sollte dieser Fall eintreten, dann bitte das Rad am nächstbesten Masten anketten, sich eine Zigarette wuzeln, diese mit einem Streichholz zum erglühen bringen, tief inhalieren, sich den holprigen, vom wunderbaren achtzehnten Bezirk kommenden, Kopfsteinpflaster der Währinger-Straße anpassen und so instinktiv herumschlendern, dass einem nicht die letzte Bim in die Mange nimmt. Ich war schon sehr positiv überrascht, was mir da geboten wurde. Immerhin hatte ich mit der Vorbereitung auf dieses Event eine Stunde vor Startschuss begonnen. Der Kurs war mir bis dahin unbekannt, die Routeninformation war in der Sprach der Könige, die sich nach dem erstmaligen zu Gemüte führen einstellende fabelhafte Welt von Paris omnipräsent und alles führte zu einer aphrodisierenden Wirkung anstatt zu nötiger Konzentration. Wie so oft musste ich auch diesmal ohne mein einköpfiges, die Kunst des Radfahrens bestens verstehendes, Serviceteam auskommen. Nach Beendigung dieser chilligen Samstagsetappe wurde mir jedoch deren Unterstützung fürs nächste Mal zugesichert. Auf Bergwertungen wartete man, sofern jemand das tat, vergebens. Hier ging es geradeaus, vorbei an wohlduftenden Bäckereien, an Boule spielenden Greisen, an Käsereien, Fiakern, an am Straßenrand befindliche Blumenverkäufer, an rauschenden Flüssen, entlang von mit Pappeln gesäumten Alleen und, permanent frühlingshaften 22 Grad gepaart mit einer leicht abkühlenden Brise. Es gab den einen oder anderen Massensprint und vor allem die Teilstrecke Malheureux bestach durch ihren ins unendliche abgleitenden Blick aufs offene Meer. Ein Traum. Das Ziel erreichten alle, ein kollektives Einfahren in bestgelauntester Manier.
Vielleicht sollte sich der Leitungssport einfach ein bisschen an der Musik und deren Art und Weise ein ehrliches Gefühl zu transportieren, orientieren. Wir sollten das sowieso immer machen, dann würden sich viele Sportarten nicht auf diesem utopisch hohen Leistungslevel, welches sauber offensichtlich nicht mehr erklommen werden kann, befinden. We have to consume less – denn auch das lässt sich auf einen Themenbereich von Zigaretten bis Erwartungshaltungen anwenden. Nur bei französischem Pop darf es bitte ruhig noch ein bisschen mehr sein.

P wie Purzeltag:

Nachdem der samstäglich ausgelöste Popdiskurs mit mir selbst dann endgültig an Fahrt angenommen hatte, stolperte ich wie so oft auch noch über einen Bericht des Mister NYC. Von einer mir ebenfalls nur von Hörensagen bekannten Brooklyner Gang war da die Rede. The Virgins. Zugegeben, ein Bandname mit dazugehörigem Albumcover, das ich normalerweise im Musikregal links liegen lasse. Nachdem der Artikel aber mit den bei mir alle Alarmglocken aufklingeln lassenden S-und K-Wörtern“ garniert war, musste ich förmlich eine soundtechnische Kostprobe nehmen. Und das obwohl mir vor allem zweitere einen deftigen Knacks mit deren gelieferter Aktion im Rahmen ihrer Spanien Tour vor ein paar Wochen zugefügt hatten, von dem ich mich immer noch nicht ganz erholt hatte.
Dass ich mich dann gleich beim ersten Bissen dermaßen verschluckte, in Ohnmacht fiel und mein Wohnungskollege mir mit einem White Russian zuerst auf die Beine und dann auch noch zappelig in die Sonntagstreter helfen musste, damit konnte natürlich niemand rechnen. Nicht schlecht was da so meine Gehörgänge hinuntergeschlungen wurde. Im Normalfall funktionieren solche Aktionen bei mir gerade überhaupt nicht, offensichtlich waren aber meine persönlichen Pop – Disco – Gute- Laune - Tage angebrochen. Das sich das allerdings immer blitzartig ändern kann, das bekam ich ein paar Stunden nach dem Konzert zu spüren. Seither gibt’s halt zur Abwechslung wieder schwere Riffs und knackige Zwei –Viertler. Hauptsache NYC steht auf dem Unterschlupf. Das Leben, oder wie immer man dazu sagt, ist wahrhaftig verrückt……
Als ich dann den Altersschnitt auf dem im Flex stattfindenden Kindergeburtstag gewaltig über den Haufen warf wurde mir bewusst, irgendeinen Hype verpasst zu haben. Egal, Hauptsache junge Leute interessieren sich wieder für Livemusik. Und das Niveau von The Virgins ist zum Einstieg ja nicht gerade ein Fehler. Vielleicht lag es auch nur am Support. Den hatten vier Niederösterreichische Jungspunde über, welche auf den Namen FAMP hörten. Sie erfüllten zwar alle derzeit im Jugendbereich zu erwartende Klischees, spielten aber ein routiniertes Set das sich irgendwo zwischen der Melancholie der Kooks, dem hektischen Schlagwerk der Arctic Monkeys, und, obwohl jetzt schon zwei große Namen gefallen sind, der verraunzten Stimme von Matthew Bellamy einpendelte. Durchaus eine Partie mit Potential und einem Gefühl für hitverdächtige, eingängige Melodien. Das sowas auch noch aus dem Wiener Umfeld kommt und in Zukunft jede Menge Stagetime vor sich hat, das ist es auf jeden Fall Wert dran zu bleiben.

L wie Lower East Side:

Ich kann nicht wirklich beschwören ob ich die New Yorker, nachdem ich erstmals in deren fruchtig frische Klangwelt eintauchte, jemals in einem Gedankenzug, und wäre er noch so flüchtig gewesen, mit ihren Stadtgenossen erwähnt hätte. Jetzt, nach mehrmaligem Hören des Albums und dem Live Erlebnis würde ich das Ganze jedoch nicht mehr unterschreiben. Wie so Viele, hat auch Sänger Donald Cumming eine unikate Weise seine Lyrics hinauszuposaunen. Seine Wurschtigkeits –Passagen, z.B. im Song Fernando Pando, könnten schon auch irgendwo auf First Impressions of Earth zu finden gewesen sein und ließen mir daher kurz Julian Casablancas vor mein geistiges Auge treten. Allerdings exklusive Heinekenflasche an den Lippen. Was eine Erwähnung alles ausmacht. Witzig. Ansonsten zog er es vor ständig in leichtem Tanzschritt befindlich auf der Bühne auf und ab zu schlendern, dazu noch eine permanent nach vorne wippende Gestik, ein leicht fröhlicher Gesichtsausdruck und fertig war das locker dahin schwingende Feeling, dass er an seine Crowd weiter zu transportieren wusste. Es führte sogar so weit, dass mich der Anfang von Radio Christiane mit deren Vintage - Gitarrensound - Passagen und Melodiefolgen doch glatt an einen Nick Valensi erinnerte. Was sie auf jeden Fall gemein hatten, das ist die Ruhe weg vorm Gig. Das kam einer erlebten The Strokes - Show in Amsterdam schon ziemlich nahe. Diesmal klappte mir allerdings kein Kumpel zusammen – kann gut sein, dass dies damals allerdings auch nicht auf die Hitze und das Sardinendosenfeeling zurückzuführen war. Generell schwamm, wie schon bei FAMP, eine Unzahl von verschiedenen Einflüssen an mir vorbei. Neu ist das alles sicherlich nicht was die Burschen da aus ihren Instrumenten herausholten. Was es aber garantiert war - thight und tanzbar bis zum Sohlenverglühen. Natürlich hatte das keiner so richtig in Erwägung gezogen im sehr gut besuchten U-Bahnschacht am Donaukanal. Trotzdem war die Stimmung schon großartig als die Protagonisten endlich die Bühne enterten. Ist auf der Homepage noch von einer Dreierformation die Rede, so wuchsen sie live zu einem Quintett heran. Es ging ohne viel Gerede zur Sache – wurde ja auch schon Zeit. Nachdem ich, weil von Spontanität getrieben, nicht wirklich viel Zeit hatte mich mit deren Musik vor dem Konzert auseinander zu setzen, kam es zum zweiten schrägen Moment dieses Wochenendes. Das tat in diesem Fall auch gut, weil ich einfach keine Erwartungen hatte, mich einfach überraschen ließ. Und diese Überraschung gelang. Das war vom Beginn weg feinster Disco, Funk, Pop, whatever. Die Stimme wirkte wie geschaffen dafür und man merkte der Gruppe nicht an, dass sie scheinbar schon seit ewigen Zeiten unterwegs waren. Hier hatte wer richtig Bock auf Spielen. Noch dazu handelte es sich ja um eine Österreich Premiere. Einzig der Bassist blickte anfänglich ein bisschen desorientiert aus seinem Samhain Shirt. Von schnittigen Terminator-Lederjacken bis hin zum gebügelten Hemd, welches in Kombination mit der Bluejeans typischerweise an einen 0815 - WU - Studenten-Look erinnerte, war in der Dresscode-Palette der Fünf alles vertreten.

I wie INXS:

Dass die Burschen eigentlich nur mehr ihre Nummern sauber vortragen mussten um ein kollektives Sommerfeeling ins Flex zu zaubern, das war nach den ersten beiden Songs sowieso klar. Wenn dann aber so eingängige funky Hits wie Rich Girls, Private Affair oder Teen Lovers im Koffer mit über den großen Teich geschmuggelt werden, dann habe sogar ich damit zu kämpfen die Körpertemperatur auf einem Niveau unter der gefährlichen 40° Celsius Marke zu halten. Die aufgrund eines Dauersmileys hervorgerufenen Muskelverspannungen im Gesicht will ich in diesem Zusammenhang gar nicht erst kommentieren müssen. Letzteres bläst uns gleich einmal mit einem Intro das gut und gerne auch Falco entsprungen sein könnte um, und hätten sie dann live auch noch die am Album so wunderbar eingesetzten 80iger Synthies eingebaut, ich hätte Luftsprünge gemacht. Und obwohl der Song eine meiner Ansicht nach „schmutzigere“ Thematik behandelt, so kann man den Refrain wunderbar allen Jugendlichen von der ersten bis zur letzten Reihe als Weisheit für die Zeit nach den Sommerferien an den Kopf werfen. Es bringt nämlich gar nix, wenn man die üblicherweise in den Sommermonaten entstehenden Schmetterlinge im Bauch auf eine unnötige Reise schickt die in den meisten Fällen eh nix bringt. Teen lovers, dont wait, vacation is over, dont wait
Das Phänomen mit nur einem Album auf Tour zu gehen wurde dann aber auch den New Yorker Jungfrauen zum Verhängnis. Irgendwann war die Setlist nämlich abgespielt und eine Zugabe wurde lauthals gefordert. In solchen Fällen haben Bands, welche nicht schon in der letzten Nummer mit einer Oper von Song oder einer Zerstörungsaktion klar machen nicht mehr auf die Bühne zu kommen, immer den letzten großen Reißer im Programm auf den dann als versöhnlicher Abschluss meist noch eine Coverversion folgt. So rannte das auch an besagtem Sonntag ab. Dass sie aber nicht davor zurückschreckten Devil Inside in herausragender Manier zum Besten zu geben, und damit auch noch meine all time heroes, welche mir komischerweise als erste Reverenz ins Gedächtnis geschossen waren, mit ins Spiel brachten, führte dass bei mir zu einem innerlichen Systemausfall aufgrund nicht mehr zu bewältigender Endorphinausschüttung.

F wie Freedom:

Als dann die Bühne im Dunkel verschwand und aus den Boxen mit den Kings of Leon die Afterhour eingeleitet wurde, schloss ich mit diesen auch noch schnell meinen Frieden und malte mir schon aus, wie sie mir meinen diesjährigen summer of hoffentlich freedom versüßen würden.

E wie Egal:

Was ich auf jeden Fall mitgenommen habe aus diesem Wochenende ist, dass mein Pop wieder um zwei Assoziationen gewachsen ist. Bleibt nur abzuwarten, was Casablancas & Co. für eine Überraschung parat haben. Und so wie es ausschaut, sind The Strokes nach wirklich langer Abstinenz in meiner Playlist gerade wieder dafür verantwortlich, dass ein paar Konturen sichtbar werden und, seit neuestem ein Funke von Plan durch die dunklen Gänge meines komplexen Gefühlslabyrinths nach der erlösenden Ignition sucht. Musik ist wahrhaftig das wichtigste auf der Welt – ob´s gewissen Leuten passt oder nicht......

photo: the virgins
copyright by the virgins

Samstag, 21. März 2009

The Scarabeus Dream – 19.3.2008 – rhiz/Wien


Ein burgenländisches Duo, Hand in Hand mit dem Exzess. Eine hochexplosive Mischung, einzuordnen irgendwo zwischen Schreikrampf, einer Portion Gefühl, einem Tinitus und der Methode Kopf durch die Wand.

Zufall?, Schicksal?, Trübsal?


Es ist schon interessant. Da gibt es Bands in Österreich die einem vom Namen her schon seit Jahren ein Begriff sind, seit geraumer Zeit auf dem endloslangen Wunschzettel der must see live - acts stehen, und dann ist es erst wieder der Zufall und nicht die Eigeninitiative, welcher einem in den Genuss eines solchen bringt. Dieses Zufalls- Muster zog sich durch den ganzen gestrigen Donnerstag, bescherte mir ein interessantes Wiedersehen hier und ein erstmaliges Treffen eben genau hier – speziell bei Letzterem stellte sich nach kurzem Gespräch die den ganzen Tag herbeigesehnte innerliche Ruhe ein – denn es stimmt schon: Ohne konkreten Plan zu agieren ist jenseits von leicht. Aber bleibt einem denn wirklich etwas anderes übrig wenn der Interessens – Rooster, in Stockwerken gesehen, nicht dem eines Blockhauses, sondern eher dem eines Wolkenkratzers gleicht? Die Antwort: Nein! – schon gar nicht wenn man weiß, dass die Musik DAS Medium für konstruktive Kommunikation ist.

Im Auge des Hurrikans

Das rhiz war wieder einmal brechend voll. Und trotzdem unterscheidet sich die Atmosphäre dort im Wesentlichen von der eines anderen, ebenfalls voll gerammelten, Gürtellokals. rhiz ist Familie, oder zumindest fühlt sich das, obwohl kein Stammgast, für mich immer so an. Ich war überrascht, welch regen Zustrom The Scarabeus Dream auslösten. Da war mir wohl einiges entgangen in der letzten Zeit. Wenn man sich jedoch die Songs von deren Debüt Album Sample your heartbeat to stay alive anhört, so ist diese Frage vom Tisch, dafür eine Andere präsent. Was macht diese Band, die es vorzieht ihre Umsetzung von Musik auf ein Schlagzeug und ein Keyboard zu reduzieren, hier? Um diese auch perfekt an den Mann zu bringen benötigt es nämlich Folgendes – perfekten Sound. Gibt es diesen nicht, so kann es schon mal passieren, dass man ein wenig desorientierter von einem Gig nach Hause schlürft als erwartet. In den beiden sympathischen Gürtelbögen gibt es diesen Sound, wenn es sich um Hannes Moser am Schlagzeug handelt, nur bedingt. Macht aber nichts. Hier wurden sowieso auf eine andere Art und Weise unsere Köpfe angezapft.
Den Beginn machte eine kleine MacBook – Session. Sowohl der Drummer, als auch Bernd Supper am E-Piano pauschten sich über Minuten hinweg gegenseitig auf. Die abgerufenen, selbstprogrammierten, Sounds wirkten entspannend, so als ob man fasziniert durch eine Eishöhle wandern würde. Und ein gutes Konzert beginnt nun mal damit, den Zuhörer zu fesseln, ihm Bilder aufzuzwingen. Musik als das Kreativzentrum anregende Mittel. Das Ganze türmte sich in einem sehr fein angelegten Spannungsbogen in immer höhere Sphären auf, bis wir schlussendlich von einer Horde laut krabbelnder Mistkäfer überrannt wurden, welche sich in Windeseile ans Werk machten ihre Gefräßigkeit an unseren Kopfinhalten zu stillen. Die Band startete sofort zum Gegenangriff, indem sie versuchten mit hektischem, Getrommel und den orchestralen, dem Keyboard entsprungenen, Melodien, gepaart mit heftigem Geschrei, gegen zu wirken. Vergeblich. Stattdessen hatte es eher den Anschein, dass beide offensichtlich von der, dem aufgezeichneten Spinnennetz am Drumkit entflohenen, Tarantel gestochen wurden. Innerhalb von Sekunden mutierten die zwei, zuvor eher ruhig und in Gedanken versunkenen wirkenden Burschen, zu sich aus der Hand gebenden, hyperaktiven und mit schweren Gesichtslähmungen bzw. Schüttelkrämpfen kämpfenden Wesen. Es war unglaublich mit welcher Entschlossenheit, oder besser gesagt, Rücksichtslosigkeit, das Duo ihre Message unter die Menge brachte. Wie ein Hurrikan fegten sie und ihre Musik alles um, was sich nicht schleunigst aus dem Schussfeld begab. Dieses Verlangen hatte aber erstens keiner, und zweitens, wäre es an diesem Ort auch nicht möglich gewesen. Unpackbar welche Leistungsexplosion da auf der Bühne stattfand. Der Drummer wirkte wie eine Maschine mit durchgebrannter, normalerweise aber alles steuernder, Platine, die Hände wild herumwirbelnd, fast einer Krake gleichend. Sein Konterpart - ein sich permanent die Haare zerraufender, auf das Piano einhämmernder Ferngesteuerter der selbigen Sorte. Und auch seine so unschuldig wirkende, den zerrissenen Fetzen Stoff zusammenhaltende Schmetterlingsbrosche, konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass es sich hier um zwei Freaks handelte, die offensichtlich eine ganz eigene Art und Weise gefunden hatten, ihre Gedanken in Musik zu fassen. Eine Wunderbare, wenn diese auch nicht so klar zu erkennen war an diesem Abend. Da wurden halbe Songs angekündigt, nur um uns im selben Satz auszurichten, dass sie trotzdem 15 Minuten dauern würden, alle Ventile geöffnet an denen jeglicher Frust über die freunderlwirtschaften betreffende Gesamtsituation in Österreich entweichen konnte und in, wie auch ich finde, Snapcase´scher Manier gescreamt. Dazu gab es heftige Snarewirbel und ein Piano, das uns auch mit Melancholie zu verwöhnen wusste. Zwischendrin immer wieder Nummern ohne Geknüppel, dafür mit einem auf seiner Bassdrum herum balancierenden, das Mikro stets im Anschlag habenden, Drummer. Ich muss gestehen, ich war nicht ganz vorbereitet auf das, was mich hier erwartet hatte. Nach durchhören der Songs hatte ich einfach ein komplett anders Bild von dieser Band im Kopf. Noch dazu wirkte auf deren Homepage alles so perfekt. Die Art und Weise wie mich die Photos anzusprechen wussten, das geniale schwarz/weiß Video zu deren Song „strollerstore“ und nicht zuletzt, die heftige Mischung aus Hardcore Geschreie in Kombination mit den so sauber wirkenden, sich im Ohr festsetzenden Melodien des Pianos. Für mich fühlte sich das alles so an, als ob es sich um eine andere Band handelte. Und auch wenn die so heftig klirrenden, mit einer Brachialität und den, dem ersten Anschein nach ohne System, verdroschenen Becken viel vom erwarteten Klangerlebnis zu nichte machten, so muss ich all jene, die mir ständig vorhalten nie etwas Negatives zu schreiben, auch diesmal wieder enttäuschen. Es war bei weitem nicht der beste Gig, aber trotzdem fühlte ich mich danach näher bei der Band. Was auf der kleinen Bühne geboten wurde, dass entschädigte nämlich für vieles. Es ist lange Zeit her, dass ich eine österreichische Formation mit so viel Herz und Bereitschaft weit über die Grenzen zu gehen, bei der Sache gesehen hatte. Noch dazu war es garantiert das erste Mal, dass ich mitterlebte, wie sich ein Protagonist aufgrund seiner nicht unter Kontrolle habende Reflexe und Zuckungen, eine Platzwunde auf der Stirn zuzog – verursacht durch die nicht länger weiß erscheinenden Tasten des Yamaha Stage Pianos. Und auch wenn mir während des Konzerts dieses, den Kopf in die rhiz-Ziegelwand rammen, das von permanentem Hecheln begleitete nach Luft ringen des Drummers, das auf dem Drumkit herum hüpfen, dieses ständige mit sich selbst reden gepaart mit Schlägen auf den Hinterkopf und die eher vagen, meine Gedanken nicht befriedigenden Statements, als aufgesetzt wirkten, so zog ich danach trotzdem eine sehr positive Bilanz.

Aus und Vorbei

Bis zum Moment des Unfalls war es ein Konzert, dass stets nach vorne pushte. Nach der ein paar Minuten andauernden Erstversorgungspause, die vom nicht minder beeindruckten Chef des Hauses persönlich durchgeführt wurde, riss logischerweise ein bisschen der Faden. Es wurden noch ein paar Nummern dargeboten, und auch wenn Bernd Supper seine Tasten nicht mehr als Objekte, an denen man seine überschüssigen Gefühle abreagieren konnte ansah, so rastete Hannes Moser beim letzten Song nochmal so richtig aus und verdrosch das schon in alle Himmelsrichtungen verteilte Schlagzeug solange, bis die Becken in die entgegengesetzte Richtung schauten. Im Anschluss manövrierte er sich auch noch selbst eine Ecke wo er dann abwesend, und sichtlich ausgepowert, herumlag. Mir gefiel das Ganze und ich werde so etwas mein Leben lang unterstützen, denn es muss nichts befreiender wirken, als wenn man sich die Möglichkeit schafft, in eine Kunstfigur auszubrechen und sich bei Bedarf selbst zu reseten. Obwohl ich diese Band jetzt theoretisch von meiner Wunschliste streichen könnte, werde ich sie mir mit Sicherheit noch das eine oder andere Mal in einem größeren Umfeld anschauen. Bis dahin wird es vielleicht auch schon neues veröffentlichtes Material geben.

Nantes

Während die Bühne wieder auf Vordermann gebracht wurde, schmiss Bernhard Fleischmann schon wieder feinste Vinylware auf die Technics. Und wie so oft in letzter Zeit, schloss sich ein weiterer Kreis – diesmal mit Beirut´s Nantes. Dann ging es mit dem Bike durch die kalte Nacht bergab, für B.Fleischmann wartete hingegen der Frühling. Viel Spaß im Sala BeCool von dieser Stelle.

Photo: copyright by The Scarabeus Dream

PAZ!

*thez*

Dienstag, 17. März 2009

School of Seven Bells / 12.3.2009 / Flex - Wien


Tiefverschneite Berghänge, gestiefelte Katzen und ein wahrgewordener Traum

Hollywood

Wie so oft, muss ich auch bei dieser Berichterstattung eine Brücke in die Vergangenheit schlagen, etwas verknüpfen, das ich bis vor wenigen Minuten schon als für immer in den Tiefen meines Gedächtnis verschollen geglaubt hatte. Im aktuellen Fall datiert mit Juli 2005, irgendwo an der
Melrose Avenue/L.A., geschätzten 100°F Umgebungstemperatur und von glühendem Asphalt umzingelt, der den mächtigen Westcoast – Karossen als Spielplatz für diverses Machogehabe dient. Eigentlich ein traumhafter Ort, und trotzdem hatte es einen strangen Beigeschmack, wenn man sich plötzlich in der Stadt befindet, in welcher so viele Geschichten seiner Plattensammlung spielen, man im Sekundentakt an Plätzen und Clubs vorbeikommt, die man aufgrund der Auseinandersetzung mit diversen L.A. Bands einfach kannte oder viel mehr noch, man sich schon tausende Male in Gedanken Under the Bridge befunden, oder in seinen Träumen mehr als One hot minute hier verbracht hatte. Es war ein seltsames Kribbeln in mir, schwer einzuordnen auf der +/- Skala des inneren Befindlichkeitsbarometers und von verarbeiten der ganzen Geschehnisse konnte nicht die Rede sein. Auch deshalb, weil ich mich damals weit von einem, meine Gefühle befriedigenden, Gesamtzustand befand. Ich wurde quasi dazu gezwungen mir Abwechslung in einem der unzähligen Vintage –T-Shirt - Shops, welche entlang der Melrose Ave. wie sich nach der grellen Scheibe am Himmel räkelnde Sonnenblumen auffädelten, zu suchen. Meine Affinität bezüglich dieser Kleidungsstücke konnte ich ja noch nie verleugnen. Dass meine Wahl dann ausgerechnet auf ein eher psychodelisch, und gar nicht meinem Stil entsprechendes Shirt fiel, das verwundert mich jetzt, wo ich wieder darüber nachdenke wann ich es eigentlich zum letzten Mal getragen hatte, mehr als damals. Die Aufschrift und die zerfransten, durch unzählige bunte Striche und Linien dargestellten Shilouetten von drei Personen hatten es mir angetan, erinnerten mich ein Wenig an den Metro-Plan einer Großstadt und bei genauerer Betrachtung verschwamm das Ganze vor meinem Auge als ob ich einen Absinth zu viel erwischt hätte. Außerdem war der Schnitt genial. Es faszinierte mich, obwohl ich mit den abgebildeten Protagonisten einer Band namens The Secret Machines nichts anfangen konnte. Im Gegenteil, ich verwechselte sie sogar mit den Suicide Machines. Naja, sollte so sein, ich habe es aber bis zum heutigen Tage trotzdem nicht geschafft mir eine Platte dieser Gruppe zu Gemüte zu führen. Das einzige was ich mit ihnen assoziiere, ist das meiner Ansicht nach nicht gelungene Artwork von Ten Silver Drops. Sehr komisch das Ganze, gegen meine eigentlich Auffassung was die endlosen Weiten der Musik betrifft, und mit Sicherheit auch das einzige Band-T-Shirt das ich besitze, ohne diese je in irgendeiner erdenklichen Art und Weise supportet zu haben. Ein Wahnsinn und….ich habe gerade ein verdammt schlechtes Gewissen. (vor allem, weil von deren 2004er Debüt-Album in großen Tönen gesprochen wird…)

Proxima Estación: Brooklyn

Jahre später, irgendwann gegen Ende 2008, schnappte ich erstmals ein paar Zeilen über ein Trio aus Brooklyn auf - School Of Seven Bells. Der Name gefiel auf Anhieb und auch die Story dahinter, es handelt sich um eine kolumbianische Ausbildungsstätte für Taschendiebe, machte Lust auf mehr. Die dazugehörige Musik brauchte dann ein paar Durchläufe ehe sich etwas Wunderbares einstellte. Ich konnte nämlich nicht mehr genug davon kriegen, hörte bei jeder Gelegenheit deren Songs, welche mit Namen wie
Connjur oder For Kalaja Mari das ganze Paket perfekt abrundeten, eine textliche Weiterführung, der einem bei diesem, mit Electrobeats durchwobenen, hypnotischen Klangteppich in den Kopf schießenden Gedanken schaffte. Doch der nächste Aha-Effekt ließ nicht lange auf sich warten, handelt es sich bei dieser Gruppe doch um eine ausgesprochen seltene Konstellation. Aus Sicht des Gitarristen Benjamin Curtis wahrscheinlich eher in die Kategorie "In Erfüllung gegangener Musikertraum" einzuordnen. Anders kann man das wohl nicht umschreiben, wenn man plötzlich mit eineiigen Zwillingsschwestern süd-/mittelamerikanischer Herkunft, und dem Wörtchen hübsch unzureichend zu beschreiben, unter ein und dem Selben Dach wohnt um die Sache zu machen, welche einem sein Herz befiehlt. Gemeinsam nämlich das zu erschaffen, wofür der Schmelztiegel namens Brooklyn/N.Y. seit geraumer Zeit bekannt ist – Musik mit Klasse!
Dass dieses arme männliche Wesen dann noch ausgerechnet ein Teil des ehemaligen Brüderprojekts (incl. eines Drummers),
The Secret Machines ist, das verursachte bei mir wieder einmal schwere Verknotungen im von Natur aus schon sehr zerfahrenen Hauptrechner. Und Zufälle gibt es nicht - wie wir ja alle wissen!
Der Projektgedanke entsprang einer im Jahr 2004 stattgefundenen Tour mit
Interpol, an der Curtis´ damalige Band genauso im Vorprogramm aufgeigte wie das Schwesternpaar Alejandra und Claudia Deheza, besser bekannt als On! Air! Library!. Dieses ging allerdings kurz danach Off Air, bis zur Kolloberation sollte allerdings noch eine Menge Wasser den Hudson River hinunterfließen. Ende 2007 stieg dann Benjamin endgültig bei The Secret Machines aus, die Erforschung neuer musikalischer Gefilde konnte beginnen!

Alpen, Rocky Mountains, Anden…egal!

Als dann im November 2008 nicht nur bei uns der Winter ins Land zog, alles in eine graue Suppe hüllte, gelegentlich das weiße Gut mit sich brachte und die Menschen, je nachdem an welchem Ort sie sich befanden, ihrer Gefühlslage meist schlicht und einfach mit Winterdepression betitelten, da waren die
Brooklyner schon seit Monaten eingeschneit – irgendwo im Zentralmassiv einer gewaltigen Gebirgslandschaft, auf sich alleine gestellt und nur mit ihren Träumen als Navigator ausgerüstet. Mehr brauchten sie nicht.
Alpinisms(*) ist ihr Vermächtnis an uns, eine teilweise als Metapher zu verstehende Story von der langen Reise zu sich selbst, welche sich zusammensetzt aus intensiven Gedanken zur Eigenbefindlichkeit, tiefen Emotionen und den unzähligen Geschehnissen, welche den Weg bis dato pflasterten. Immer in Bewegung bleiben, auch wenn sich mal ein, dem ersten Anschein nach, nicht zu bewältigender tiefverschneiter Bergrücken vor einem auftut. Man wird nie erfahren was sich dahinter verbirgt bzw. das Leben noch mit einem vor hat, wenn man ihn nicht hochgeklettert ist. Im Fall von School of Seven Bells, so scheint es, wurden die sich über Jahre angesammelte Erfahrungswerte in einen großen Rucksack gepackt und eine Reise begonnen, auf der man in Folge genau diese, gepaart mit den ständig neu erfahrenen Eindrücken eines Reisenden, in einen songtextlichen Kontext packte. Zum Glück war noch genügend Platz für Instrumente und sonstige Technical Devices, sodass sie im Endeeffekt einen prallgefüllten Backpack zu schleppen hatten, aber immer darauf bedacht, nicht unter der Last zusammenzubrechen. Das wurde sicherlich nicht zum ersten Mal praktiziert, jedoch war dieses Trio diesbezüglich sehr trittfest unterwegs, auch wenn die entlegenen Pfade auf denen sie sich befanden schon lange in keiner Karte mehr aufschienen. Gut, dass es dann noch die Träume gab und viel besser noch, dass diese nicht in Worten zu ihnen kamen, sondern in Bildern, welche sie wunderbar durch ihrer daraus resultierende Musik mit uns zu teilen im Stande sind.

Flexibilisms

Glücklicherweise haben
School of Seven Bells einen langen Atem, der sie über unzählige Pässe endlich auch nach Wien brachte, wo sie im Schutzhaus am Donaukanal eine kurze Verschnaufpause einlegten. Obwohl, als diese konnte das, was uns dort geboten wurde, nicht bezeichnet werden. Vielmehr handelte es sich um einen vertonten Lagebericht, demzufolge alle Beteiligten weiterhin in einer hervorragenden Verfassung zu sein scheinen. Es war eine vorgezogenen „Traumstunde“, Sand in den Augen hatte von den sich reichlich Eingefundenen aber niemand. Alle schienen ausgeschlafen und aufnahmefreudig zu sein, gespannt auf das, was uns in Kürze erwarten sollte.
Die vorherrschende Stille wurde von
afro-roots-artigem Getrommel, gepaart mit einer kurzen Distortion, durchbrochen, ehe die engelhaften Stimmen der Zwillingsschwestern den Anfang eines alle Alpträume zerschmetternden Sets bestritten. Gleich im ersten Song des Abends, Face to Face on High Places, bekamen wir Einblick in die tiefen zermürbenden Gedanken die in jedem von uns stecken, und dem im Chorus vorgetragenen, als Dank und Erkenntnis zu gleich verstehenden Satz - It's safe to say, saving you, saved me.
Herzlich Willkommen zur
Extended Version der in vielen Köpfen herum spukenden Themenwelt der richtigen Wegfindung und der damit verbundenen Einsicht, dass man sich trauen muss weiterzugehen. Das ganze unter dem Deckmantel Dream Pop einer mir bis dato nicht geläufigen Bezeichnung im unendlich großen Genredschungel.
Denn nur wenn man sich in Bewegung setzt macht man auch die „Bekanntschaften“ die einem unweigerlich widerfahren und eine unbezahlbare Hilfe auf einem scheinbar festgefahrenen Weg darstellen. Die Mischung aus sich aufbauenden Chören, gepaart mit dem bis sich in die entlegensten Täler ausbreitenden Sound-Waves die B.C. seinen sechs Saiten entlockte, sowie den unwiderstehlich vorwärtstreibenden, den Körper permanent zum Mitwippen animierenden, Beats und den restlichen Klangerlebnissen eines elektronischen Schlaraffenlandes, verzauberte von der ersten Sekunde an. Benjamin Curtis, der der Schubladisierung eines Shoegazers mehr als gerecht wurde, manövrierte sich mit seinen, scheinbar Michal J.Fox am Set von
Back to the Future II entlehnten Schuhen, hochkonzentriert durch die perfekt ausgetüftelten Soundwelten seiner Effektgeräte, während ihn Alejandra auf ihrer so riesig wirkenden Gitarre unterstützte. Der Sound, wie immer im Flex, ein Ohrenschmaus, die Stimmen glasklar und jeder noch so knifflige Einsatz in die von Claudia abgerufenen Samples saßen so perfekt wie ihr Mittelscheitel. Abseits der Songs gab es nicht viel zu bereden. Was hier fabriziert wurde, benötigte keine Worte mehr, diente, wenn man sich darauf einließ, als Anreiz für eine ausschweifende Exkursion in die unendlichen Weiten unserer Vorstellungskraft. Durch die an der Decke hängende LED-Wall, welche uns permanent an der Entstehung neuer Sterne teilhaben ließ, fühlte sich das ganze auch noch mal um einen Deut realer an, als wenn man in den eigenen vier Wänden, mit Headphones bewaffnet, am Parkett herumliegt, und sich Songs wie Half Asleep in Endlosschleife zu Gemüte führt. Bei Connjur konnte man aufgrund der täuschenden Ähnlichkeit eines nach einem Zugsignal klingenden Intros und des permanenten, an N.I.N. erinnernden Zischens, schon mal glauben, Passagier in einem entführten Zug zu sein. Abspringen unmöglich, dann doch besser zurücklehnen und alles zulassen. Wird schon nicht so schlimm werden.
Es war ein, im wahrsten Sinne des Wortes, traumhafter Abend in einem mir leider von der Gesamtsituation immer unsympathischer werdenden Club. Die leicht technoiden Beats erinnerten mich (und wahrscheinlich nur mich), im Nachhinein gesehen, ein bisschen an
Neulander und vor allem der Song Prince of Peace, ein heißer Anspieltipp für Nichtkenner von Alpinisms, welcher als (logischerweise) einzige Zugabe zum Besten gegeben wurde, rief mir von der Machart massiv U.N.K.L.E. ins Gedächtnis.
Die Band verabschiedete sich flüchtig und, wie ich glaube, Wien in guter Erinnerung behaltend. Auch ich war, weil leider ein kleines Vorurteil in mir tragend, von der Resonanz des Publikums angenehm überrascht.

Nach dem Konzert ist nicht mehr wie vor dem Konzert

Ich muss gestehen, diese Stunde hatte es mir ziemlich angetan, bescherte mir einen Dauergrinser im Gesicht, und ich wäre nicht der Einzige gewesen, der es begrüßt hätte, wenn sie noch eine ganze Weile ihre Schaffenswerke zum Besten gegeben hätten. Angeblich gibt es ja schon wieder genügend Material für eine neue Platte. Auch Freunde, welche das Konzert mehr oder weniger ohne Vorkenntnisse besuchten, waren schwer beeindruckt und fanden keine Worte für dieses Erlebnis.
Somit kann ich an dieser Stelle nur jedem dieses wunderbare und in so vielen Stimmungslagen anzuwendende Werk ans Herz legen. Mittlerweile sind sie schon wieder über mindestens sieben Berge, die Glöckchen in den Taschen verstaut und wahrscheinlich nicht mehr so schnell in Österreich anzutreffen.
Und obwohl ich kein regelmäßiger
Flex – Geher bin, nach monatelanger Österreich-Abstinenz und dem daraus resultierenden erstmaligen Kontakt mit dem doch sehr chilligen neuen Cafe aber seither ein paar nette Stunden dort verbracht hatte, bräuchte man nur mehr diese lächerliche, als Lösung für ein komplett anderes Problem (welchem der Rechtsstaat nicht Herr wird) deklarierte und bis zum Himmel stinkende, schwachsinnige Polizeiliche Sperrstunde auf eine, den üblichen, von Ulaan Baatar bis Montevideo reichenden, Clubstandards anheben.
Aber wie hatte ein von mir sehr geschätzer DJ gestern diese Thematik auf den Punkt gebracht:
Du bist wieder in Wien – Herzlich Willkommen!“
Von dem her werde ich mir die Message von
SVIIB noch mehr zu Herzen nehmen und einfach schleunigst wieder weitergehen...

(*) Als Inspirationsquelle für den Albumtitel diente das Buch
Mount Analogue von Rene Daumal, weil die Thematik des Buchs im Einklang mit dem von Claudia bzw. Alejandra verfassten Lyrics befunden wurde.

Das Album Alpinisms ist im November 2008 auf
Ghostly International erschienen. Das Artwork stammt von Bryan Collins.

Pix by
mck-design und hier zu bewundern.

PAZ!

*thez*